Design aus der Konserve

Crowdsourcing: Ungenießbar oder ganz okay?

Wenn der Kun­de sich für einen ande­ren Desi­gner ent­schei­det, neh­me ich das sport­lich. Schließ­lich gehört das ein­fach zum ganz nor­ma­len Wett­be­werb. Etwas ange­fasst habe ich kürz­lich reagiert, als ein Auf­trag an die Crowd­sour­cing-Platt­form »desi­gnen­las­sen« ging. Nicht wegen der Schleu­der­prei­se, die typisch für die­se Platt­for­men sind, son­dern weil sie dem Kun­den nur vor­gau­keln ech­tes Design zu bekom­men. Doch es gibt auch einen sinn­vol­len Ein­satz für die­se Gestal­tung vom Fließband.

 

 

Das Platt­form

 

»Desi­gnen­las­sen« und ver­gleich­ba­re Crowd­sour­cing-Platt­for­men bie­ten einem Auf­trag­ge­ber an ein Brie­fing ein­zu­stel­len und als Wett­be­werb aus­zu­schrei­ben. Er bekommt eine sehr hohe Anzahl an z.B. Logo­ent­wür­fen (über 100 Ent­wür­fe sind nicht sel­ten) und bezahlt nur den­je­ni­gen, des­sen Ent­wurf er aus­wählt. Das Bud­get für ein Logo liegt dabei meist zwi­schen 200 und 400 Euro. Prei­se also, für die selbst­stän­di­ge pro­fes­sio­nel­le Desi­gner und Agen­tu­ren nicht arbei­ten. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on läuft dabei online über die jewei­li­ge Platt­form und die Pro­jekt­zeit ist auto­ma­tisch begrenzt. Das alles klingt grund­sätz­lich attrak­tiv, da man als Kun­de nicht die Kat­ze im Sack kauft, sehr wenig bezahlt und schnell ein Ergeb­nis sieht.

 

Das Brie­fing, das kei­nes ist, führt nicht zu erfolg­rei­chem Design

 

Der größ­te Schwach­punkt ist hier tat­säch­lich gar nicht das Design sel­ber. Zuge­ge­ben hal­te ich unge­fähr jeden vier­ten Ent­wurf aus hand­werk­li­cher Sicht für soli­de. Das Pro­blem ist das Brie­fing, das Herz­stück jedes Auf­tra­ges ist und über (wirt­schaft­li­chen!) Erfolg und Miss­er­folg des Design­pro­jekts für den Auf­trag­ge­ber ent­schei­det. Bei »desi­gnen­las­sen« wird die­ses direkt vom Auf­trag­ge­ber selbst geschrie­ben. Ein Re-Brie­fing sei­tens des Desi­gners ist nur online möglich.

 

Genau hier geht viel Poten­ti­al ver­lo­ren. Das Brie­fing eines unge­üb­ten Kun­den gibt meist vor allem sei­ne per­sön­li­chen geschmack­li­chen Vor­stel­lun­gen wie­der. An sei­ne Ziel­kun­den denkt er sel­ten. An genau die­sem neur­al­gi­schen Punkt kommt der pro­fes­sio­nel­le Desi­gner ins Spiel: Nur er kann ziel­grup­pen­sen­si­bel gestal­ten und urtei­len. Er bringt das gelern­te Hand­werks­zeug mit und die nöti­ge Distanz zum Pro­jekt, die der Auf­trag­ge­ber nicht haben kann. Ein sol­cher Desi­gner gibt dem Kun­den als Ant­wort auf sein Brie­fing dann ein Re-Brie­fing, mit dem die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zie­le geklärt wer­den. Ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ziel ist beispielsweise:

 

»Die Gestal­tung des Rei­se­pro­spekts soll der Ziel­grup­pe Lust auf Rei­sen nach Mexi­co machen. Dabei soll das Tem­pe­ra­ment, die Far­big­keit und die Lebens­freu­de der Mexi­ka­ner auf den Punkt gebracht und intel­li­gent mit unse­ren Cor­po­ra­te-Design-Ele­men­ten ver­bun­den wer­den. Die Ziel­grup­pe, die ange­spro­chen wer­den soll, sind Aka­de­mi­ker und Füh­rungs­kräf­te über 50 Jah­re mit einem jähr­li­chen Net­to-Ein­kom­men von 80.000 Euro bis 120.000 Euro«

 

Hier muss genau abge­klärt wer­den, was sich Desi­gner und Auf­trag­ge­ber unter »Tem­pe­ra­ment« oder »Aka­de­mi­ker« vor­stel­len. Bei Crowd­sour­cing-Platt­for­men fehlt die­se wert­vol­le per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on. Durch die rein digi­ta­le ist sie nicht zu erset­zen. So kann für den Auf­trag­ge­ber kei­ne Richt­li­nie ent­wi­ckelt wer­den, anhand derer er einen Ent­wurf für pas­send oder unpas­send beur­tei­len kann. Er fällt statt­des­sen wie­der in sei­ne eige­nen Geschmack­mus­ter zurück und wählt einen Ent­wurf aus, der mög­lich­wei­se an sei­ner Ziel­grup­pe vor­bei­kom­mu­ni­ziert. Oder gibt irgend­wann frus­triert auf, weil ihm kein Ent­wurf wirk­lich pas­send erscheint.

 

Über die Funk­ti­on, Rol­le und Inhalt eines Brie­fings habe ich bereits einen Blog­ar­ti­kel geschrieben.

 

Das Pro­blem mit dem eigent­li­chen Problem

 

Beson­ders Logo-Auf­trä­ge sind bei »desi­gnen­las­sen« & Co. sehr beliebt. Dabei ist es sel­ten sinn­voll sich als Fir­ma zuerst mit sei­nem Logo zu beschäf­ti­gen, wenn man einen ech­ten Unter­neh­mens­auf­tritt haben will. Wenn ein Logo seri­ös ent­wi­ckelt wird, steht vor ihm ein gründ­li­cher Design­pro­zess. Aus die­sem gehen außer dem Logo wei­te­re Desi­gnele­men­te her­vor, die für ver­schie­de­ne Medi­en ver­wen­det wer­den. Wer­den die­se nicht ent­wi­ckelt, sieht ein Logo auf z.B. einer Web­site wie „auf­ge­klebt“ aus. Das Logo kor­re­spon­diert nicht mit dem Rest der Web­site und ist damit aus­tausch­bar. Aus­schließ­lich ein Logo zu ent­wi­ckeln ist, als wenn man einen Archi­tek­ten ein Haus bau­en lässt und die­ser dabei mit dem Wet­ter­hahn begin­nen soll.

 

Rei­ne Logo-Auf­trä­ge haben außer­dem mei­ner Erfah­rung nach immer eine »Hid­den Agen­da«: Eigent­lich kommt der Kun­de mit einem Logo-Auf­trag zu mir und im Gespräch mer­ken wir bei­de, dass ein Logo das eigent­li­che Pro­blem nicht lösen wird oder ein ande­res viel drän­gen­der ist.

 

Bei­spiel: Ein Auf­trag­ge­ber kam mit einem klas­si­schen Logo-Auf­trag auf mich zu. Der Gedan­ke hin­ter dem neu­en Logo war die neue inhalt­li­che Aus­rich­tung des Unter­neh­mens auf dem Markt. Okay, aber wie soll­te die­ses neue Selbst­ver­ständ­nis glaub­wür­dig nach außen getra­gen wer­den, wenn die Mit­ar­bei­ter das nicht unter­stüt­zen und mit­tra­gen? Die Lösung für den ers­ten Schritt war also kein Logo, son­dern eine klei­ne fir­men­in­ter­ne News­let­ter-Kam­pa­gne, die die Mit­ar­bei­ter über sechs Wochen auf die neue Mar­ke vor­be­rei­te­te. Die Rück­mel­dung der Mit­ar­bei­ter konn­te ich übri­gens her­vor­ra­gend in die spä­te­re Gestal­tungs­ar­beit zum Logo ein­flie­ßen lassen.

 

Durch die ver­schmal­te Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Crowd­sour­cing-Platt­for­men kann die­ses eigent­li­che Pro­blem, das in einem Auf­trag liegt, nicht her­aus­ge­ar­bei­tet werden.

 

Für wen Crowd­sour­cing sinn­voll sein kann

 

Wie schon erwähnt, sind eini­ge Ent­wür­fe die­ser Platt­for­men rein for­mal gese­hen gar nicht schlecht. Ernst­haf­te Unter­neh­men mit eige­nen Abläu­fen, Dienst­leis­tun­gen, Pro­duk­ten und Ziel­vor­ga­ben wer­den wegen der oben genann­ten Grün­den Ihre Desi­gner hier nicht suchen. Neben der man­geln­den Tie­fe der Design­leis­tung, gibt es schließ­lich auch noch mar­ken­recht­li­che Probleme.

 

Aber es gibt Auf­trag­ge­ber, für die Crowd­sour­cing sinn­voll sein kann. Zum Bei­spiel für Solo-Selbst­stän­di­ge mit einem eige­nen klei­nen Laden für Kurz­wa­ren. Wenn die­ser Laden nicht gera­de mit­ten in einer Stadt liegt –und damit gro­ßer visu­el­ler Kon­kur­renz aus­ge­setzt ist– kann eine Gestal­tung rei­chen, die ein­fach nett aus­se­hen soll. Solan­ge man der ein­zi­ge Kurz­wa­ren-Laden im Dorf ist, reicht auch die hüb­sche Hül­le von »desi­gnen­las­sen«.

 

Die­se letz­te Sze­na­rio beschreibt in mei­nen Augen auch eher eine Art »Sty­ling«, bei dem es nur um die hüb­sche Hül­le geht. »Design« hin­ge­ge­ben nimmt sei­ne Adres­sa­ten ernst, bie­tet Ihnen Ant­wor­ten und erzeugt Ver­trau­en zum Unter­neh­men. Ein wert­schöp­fen­der Pro­zess, der für 300 Euro nicht zu haben ist.

  • Tobias Mittmann

Ahoi,

wäh­rend des Stu­di­ums habe ich rela­tiv viel auf sol­chen Sei­ten rum­ge­han­gen. Damals war es auch okay, als Stu­dent hat man es ja noch nicht so mit den Prei­sen – aus heu­ti­ger Sicht kann ich ein­fach nur den Kopf schütteln 😀
Ein furcht­ba­rer Trend…

Ich den­ke aber, dass die­ser nicht nur auf Grund­la­ge der Dum­ping-Prei­se auf­baut (also die tra­gen selbst­ver­ständ­lich einen sehr gro­ßen Teil dazu bei).
Mein Ein­druck ist eher, dass auch ein gewis­ser Prag­ma­tis­mus dahin­ter steckt. Im Stu­di­um wird einem bei­ge­bracht »erst­mal alles ana­ly­sie­ren!«. Ziel­grup­pen, Konkurrenz…und am bes­ten ein Mood­board machen.
Die Fra­ge ist aber: Wer will das bezahlen?
Dafür gehen viel zu vie­le Stun­den flö­ten – und Zeit ist Geld. Die­ser Auf­wand lohnt sich nun mal nur für einen eher gerin­gen Teil der Unter­neh­men da draußen. 

Der Rest möch­te ein­fach nur ohne viel Schnacken einen neu­en Fly­er haben.
Das heißt nicht, dass man ein­fach »irgend­was« ablie­fern soll. Ein gewis­ser Aus­tausch gehört selbst­ver­ständ­lich zum guten Ser­vice dazu. Es geht aber dar­um, dass es auch ohne viel Tamm-Tamm gehen muss.

Ich fürch­te, dass wir Desi­gner da ger­ne etwas auf einem »Hohen Ross« sit­zen und die Nase rümp­fen, wenn wir »schnel­les Design« sehen. Das Pro­blem ist aber, dass wir damit die »Rele­vanz« ver­lie­ren, oder wie es in der Poli­tik so schön heißt: Den Bezug zur Basis. 

Vie­le Grüße,

Tobi­as
http://www.herrmittmann.de

    • admin

    Hal­lo Tobias,

    vie­len Dank für dei­nen aus­führ­li­chen Kommentar.

    Stu­den­ten haben da in mei­nen Augen Nar­ren­frei­heit und sol­len Feh­ler machen. Des­we­gen fin­de ich es völ­lig okay, wenn man sol­che Platt­for­men als Stu­dent aus­pro­biert. Den Ent­wür­fen nach zu urtei­len sind da eini­ge Stu­den­ten unter­wegs. Spä­ter, wenn man sich pro­fes­sio­na­li­siert, muss man sich aus wirt­schaft­li­chen Grün­den aber davon verabschieden.

    Ich weiß, was du meinst, wenn du von die­sen »prag­ma­ti­schen Fly­er-Jobs« sprichst. Sol­che Kleinst­auf­trä­ge haben auch bei mir Lis­ten­prei­se und sind schnell her­ge­stellt. Und schnell vor allem, weil ich rou­ti­niert bin. Des­we­gen habe ich sel­ber gar nichts gegen schnel­les Design, wenn soli­de »Haus­manns­kost« gefragt ist. Lang­fris­tig wer­den sol­che Jobs aber kom­plett an sol­chen Platt­for­men abge­wi­ckelt oder sogar online »On-Demand« vom Kun­den sel­ber erstellt. Desi­gner kön­nen in mei­nen Augen in Zukunft hier­von ohne­hin nicht mehr leben.

    Die kon­zep­tio­nel­le Arbeit, die du ansprichst, macht hin­ge­gen des zeit­ge­mä­ßen Desi­gner aus. Und dafür sind die gan­zen Ana­ly­sen, Mood­boards etc. nötig. Für Stra­te­gie und Kon­zep­ti­on braucht es Desi­gner, die sich nicht als rei­ne Hand­wer­ker, son­dern vor allem Kopf­ar­bei­ter sehen, die z.B. auch Unter­neh­mens­ab­läu­fe ver­ste­hen. Die gibt es auf Crowd­sour­cing-Sei­ten eher nicht.

    Dass sich eini­ge Desi­gner wei­ter­hin als Design-Hand­wer­ker sehen und den guten, alten Zei­ten nach­trau­ern, emp­fin­de ich auch als feh­len­den Bezug zur Basis 🙂

    Herz­li­che Grüße,
    Anni­ka Lyndgrun

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